Arbeitnehmer mit Behinderung
Die gleichberechtigte Teilhabe an allen Lebensbereichen ist für Menschen mit Behinderung in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland durch das BGG – Behindertengleichstellungsgesetz – in seiner letzten Fassung vom 27.04.2002 verbürgt, nichtsdestotrotz in der Praxis bei Weitem nicht so realisiert, wie es wünschenswert wäre. Bund und Länder hecheln selbst dem Gesetz hinterher. Denn es schreibt in § 4 die Barrierefreiheit vor, und diese wurde durch den Bund zwar seit 2002, durch viele Landes- und Kommunalbehörden aber nur sehr schleppend zwischen 2002 bis 2010 auf den eigenen Internetseiten eingeführt. Und gerade das Internet ist für behinderte Personen essenziell, mindestens so sehr wie die Auffahrt für den Rollstuhl.
Integration behinderter Mitarbeiter in Unternehmen
Wenn ein Unternehmen mehr als 15 Arbeitnehmer beschäftigt, müssen 6 Prozent der Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzt werden, bei 16 Arbeitnehmern ist das eine Stelle. Das kann schwierig sein, deshalb gibt es dafür Zuschüsse. Diese ermöglichen das Einrichten der Arbeitsplätze und die Anschaffung von Arbeitshilfen, gewähren Lohnkosten- und Ausbildungshilfen, einen Minderleistungsausgleich und decken auch den Ausgleich für betriebsinterne Helfer für die behinderten Kollegen. Die Unternehmen beweisen damit Engagement und Kompetenz, Integrationswillen und Feingefühl, die Mittel wiederum kommen von der Bundesagentur für Arbeit, dem Bund und den Ländern. Damit besteht eine breite Basis für die Integration von behinderten Kollegen.
Leider ist dies noch eine Wunschvorstellung. Wenn Arbeitgeber aufgrund der gesetzlichen Vorgaben behinderte Menschen einstellen, werden diese oft nur ungenügend gefördert und gefordert, die Arbeitsaufgaben sind nicht entsprechend, die Diskriminierung kann auch sehr unterschwellig stattfinden. Das ist nicht unbedingt die Regel, kommt aber öfter vor als kommuniziert wird. Hauptursächlich ist die mangelnde Vertrautheit mit der Thematik. Wie es sein mag, wenn jemand nicht laufen kann, können sich die meisten Menschen noch vorstellen. Was aber ist mit einer geistigen Behinderung?
Motivation behinderter Kolleginnen und Kollegen
Von körperlichen Handicaps abgesehen ist ein entscheidender Faktor für die persönliche Leistungsfähigkeit jedes Menschen die Motivation, vor allem diese wird bei Behinderten weit unterschätzt. Das können sich insbesondere diejenigen Menschen nicht vorstellen, die im Leben immer auf der Sonnenseite gestanden haben und nie in einer Außenseiterposition waren. Es gibt aber eine solche Position, und für einen Behinderten ist sie ein Dauerzustand. Wenn ihm nun deutlich und ohne seine Würde auch nur im Mindesten anzukratzen gezeigt wird, dass man seiner Leistungsfähigkeit vertraut, dass man ihn auch fordert, kritisiert, lobt, ihn einbezieht, mit ihm streitet und feiert, dann wird er zur Höchstform auflaufen.
Und das wird für das Unternehmen denjenigen Mehrwert bringen, den jeder gut motivierte Mitarbeiter bringt, wenn man ihm die richtigen Aufgaben überträgt. Um das zu erreichen, sollte jeder Abteilungsleiter und jeder Kollege hinterfragen, was eigentlich an der Behinderung dran ist. Was hindert uns, mit diesen Menschen völlig normal umzugehen? Sind wir selbst solche Genies, lauter kleine Einsteins? Oder gibt es nicht immer jemanden, von dem wir uns auch jene würdevolle Anerkennung wünschen, wie wir sie voller Demut vor dem Leben auch unseren behinderten Mitbürgerinnen und Mitbürgern entgegenzubringen haben? D
